Interview mit Dr. Andreas Lukas

Interview mit Dr. Andreas Lukas


1.Wie kamen sie auf die Idee Bücher zu schreiben?

Ich hatte schon einige Fachbücher geschrieben. Mein letztes „Abschied von der Top-Down-Kultur“ erschien 2012. Dann stand ich vor der Frage, ein weiteres Fachbuch anzugehen. Ich hörte zu der Zeit einen Schriftsteller, wie er davon schwärmte, was für ein tolles Gefühl es sei, zu erleben, wie eine Geschichte ein Eigenleben entwickeln kann. Das reizte mich. Es war mir schnell klar, dass dies mit einem Fachthema nicht zu schaffen war. Ich wollte es aber einmal erleben. Das war die Einstiegsmotivation zum Genrewechsel und zum Roman. 2017 erschien dann mein erster Roman „Nie mit, aber auch nicht ohne“, in dem viele Fragen gestellt werden, die jeder im Gepäck seines Lebens mit sich führt.

2. Haben Sie sich bei der Ausgestaltung der Charaktere an realen Personen orientiert?

In einzelnen Facetten trifft dies sicherlich zu. „Die ungleichen Gleichen“ ist eine wahre Geschichte, weil viele sie so oder so ähnlich erlebt haben und erleben könnten. Sie ist gleichzeitig eine erfundene Geschichte, die Momente festhält, die über eine gelungene Orientierung des Lebens zu entscheiden vermögen.

3. Was brachte Sie ausgerechnet auf diese Themen? (Bezug „Die ungleichen Gleichen“)

Auslöser waren die aktuellen Entwicklungen in den letzten drei Jahren. Wie ergeht es jemandem, der aus der Fremde kommt und eine völlig andere Lebensweise vorfindet? Was passiert, wenn zwei Fremde sich an einem neuen Ort begegnen? Besonders inspiriert haben mich die starken Bilder der vielen Dokumentation, die auf allen Kanälen ausgestrahlt wurden. Was geht in den Menschen vor? Was haben sie durchgemacht? Wie ergeht es ihnen hier in der fremden Gesellschaft? Dies wollte ich einbetten in eine Begegnung von zwei jungen Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund.


4. Wie viele Teile von „Die ungleichen Gleichen“ sind noch geplant?

Darüber habe ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Aber vielleicht ist es gar keine schlechte Idee, das Thema der Begegnung und Verständigung in einer weiteren Geschichte aufzugreifen.

5. Können und wollen Sie bereits Ausblicke auf den nächsten Teil von „Die ungleichen Gleichen“ geben?

Wie gesagt, darüber habe ich noch nicht wirklich nachgedacht.


6. An welchen Büchern arbeiten Sie neben „Die ungleichen Gleichen“ noch?

In meinem ersten Roman zieht sich wie ein roter Faden das genauere Hinhören und Hinschauen durch die Geschichte. Dies kommt uns in der digitalen Gesellschaft mehr und mehr abhanden. Wir eilen von Ereignis zu Ereignis, ständig bestrebt weitere Sensationen zu ergattern. Der Augenblick bleibt dabei auf der Strecke. Der Moment hat keine Chance, eine Wirkung zu entfalten. Bei diesem Streben verlieren wir uns selbst. Dieser Gedanke kann durchaus in anderen Geschichten aufgegriffen und weiterentwickelt werden.

Momentan schwebt mir die Suche nach einer Daseinsform, einem Ich für ein erfülltes Leben, für den Alltag vor. Der Protagonist wäre Mitte/Ende 20 und muss sich nach ewigem Zögern, Verdrängen, Ablenken, Vertagen und Hinhalten endlich entscheiden, welchen Weg er einschlagen wird. Aber das sind noch unausgewogene Gedankenspiele. Vielleicht greife ich auch das Kapitel „Wunschliste an ein neues Ich“ aus meinem ersten Roman auf und der Protagonist hat die Chance, verschiedene Ichs einen Tag oder eine gewisse Zeit auszuprobieren. Mal sehen, wo das hoffentlich einsetzende Eigenleben einer Geschichte mich hinführt.

7. Woher stammen die Inspirationen für Ihre Werke?

Sie stammen durchaus aus dem Alltag der Menschen, aus ihrem täglichen Erleben, aus vielen Begegnungen und Gesprächen, aus der gesellschaftlichen Realität. Man muss nur hinschauen und hinhören, um Dinge aufgreifen zu können. Dann ist allerdings der Filter des Schriftstellers gefragt, der aus vermeintlich normalen Dingen und Abläufen eine Essenz herausfiltern kann, um daraus eine Geschichte entstehen zu lassen. Aber gerade das ist ja das Spannende daran.

8. Gibt es auch mal „Schreiblockaden“ und wie gehen Sie damit um?

Ich würde nicht unbedingt von Schreibblockaden sprechen. Es gibt Zeiten, da fließt das Schreiben nur so, weil man sich in die richtige Situation gebracht hat. So hatte ich mich für meinen ersten Roman in eine Schreibklausur auf Sylt begeben. Drei Wochen vorher hatte ich mich mental darauf eingestimmt, mit dem Besteigen des ICE in Frankfurt in meine Geschichte hineinzufahren. Mir war durchaus bewusst, dass dies auch ein wenig Selbstüberlistung bedeutete. Aber, um es kurz zu machen, es gelang und in Hamburg war in mitten drin und hatte sehr viele Gedanken in Notizen festgehalten. Auf der Insel angekommen verbrachte ich jeden Tag 6-8 Stunden mit Schreiben. Es gibt natürlich auch die anderen Zeiten, in denen wenig gelingt. Ich habe das Gefühl, dass mir dann der Zugang zu meinem Thema nicht recht gelingt. Oft ist es auch so, dass zu viele andere Dinge oder Ereignisse um einen herum die Oberhand gewinnen.

9. Wo und in welcher Atmosphäre entstehen Ihre Bücher?

Ein für mich sehr kreativer Ort liegt am Wasser. Dies ist auch in die beiden Romane eingeflossen. Dort geht dann der Blick über das Wasser in die Ferne und die Gedanken schlängeln sich mit den Blicken über die Oberfläche und entwickeln sich zu Episoden, die in einer Geschichte münden.

10. Wie lange brauchen Sie um ein Buch zu schreiben?

Das ist immer eine schwierige Frage. Von der ersten Idee bis zum vollständigen Manuskript vergeht schon weit mehr als ein Jahr.

11. Wie läuft der „Entstehungsprozess“ eines Buches bei Ihnen ab?

Wenn eine Idee etwas konkreter geworden ist, habe ich das Gefühl, ganz anders durch den Alltag und die Welt zu laufen. Ich schaue mir Dinge aus einem anderen Blickwinkel an und nehme sie anders wahr. Ich mache mir Gedanken über das Erlebte, über Begegnungen, über Gespräche. Gerne lese ich dann auch andere Autoren und lasse mich inspirieren von anderen Geschichten.

12. Wenn Sie ein Buch beginnen zu schreiben, wissen Sie dann schon wies ausgeht?

In der Regel weiß man das nicht. Bei meinem ersten Roman hatte ich allerdings den Schluss schon ziemlich früh in einer ersten Version geschrieben. Ich warte durchaus auch auf das einsetzende Eigenleben einer Geschichte, was daraus entsteht und wohin es mich führt.

13. Welches war die erste Geschichte die Sie je aufgeschrieben haben?

Das ist sehr lange her. Ich glaube es war im Deutschunterricht eine Geschichte, wie es einer Kartoffel ergeht auf ihrem Weg vom Acker bis auf den Teller.

14. Welchen Stellenwert in Ihrem Leben nimmt das Schreiben für Sie ein? Was ist Ihnen sonst noch wichtig im Leben?

Ich habe während des Studiums und danach schon einige Artikel geschrieben, damals zu politischen und wirtschaftlichen Themen. Mein erstes großes Buch „Abschied von der Reparaturkultur“ drehte sich um das Thema Selbsterneuerung. Eine Kernfrage war, ob wir die vielen Mechanismen der Selbsterneuerung, die wir in der Natur vorfinden, nicht auf Unternehmen und Organisationen übertragen können. Vieles davon ist bis heute genauso aktuell und wartet auf Umsetzung. Meine Intention ist es immer wieder, Dinge ins Bewusstsein zu bringen, aufmerksam zu machen und etwas zu bewirken.

15. Haben Sie selber ein Lieblingsbuch bzw. Autor?

Das ist schwer zu sagen. Ich erinnere mich, dass ich in der Schule Goethes Faust faszinierend fand. Diese Sprachgewalt und die geballten Wortschätze sind schon einmalig. Man muss sich allerdings darauf einlassen.

Dann muss ich Sten Nadolny mit seinem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ nennen. Das Thema begleitet mich schon lange und ich durfte Sten Nadolny einmal in einem Managementforum moderieren. Sein Thema gewinnt in der 24-Stunden Gesellschaft, die keine Pausen mehr kennt oder zulässt, eine ganz evidente Bedeutung. Dieser Aspekt ist auch in meinen Roman „Nie mit, aber auch nicht ohne“ eingeflossen, als die Jungendfreunde sich nach langen Jahren wieder treffen und feststellen, wie sehr die digitale Gesellschaft Besitz von ihnen ergriffen hat.

Von den aktuellen Autoren würde ich Martin Walser, Daniel Speck und Peter Prange nennen.

16. Wollten Sie schon immer Autor werden?

Das war nicht von Anfang an klar. Aber geschrieben habe ich schon immer gerne.

17.Wie alt waren Sie als Sie das Schreiben begonnen haben?

Den ersten ernsthaften Zugang fand ich während des Studiums.


18. Lesen Sie selber viel?

Das kommt immer darauf an, wie die Zeit es erlaubt. Bei meinem früheren 10-12 Stunden Arbeitstag blieb dafür weniger Freiraum. Das hat sich inzwischen geändert. Wenn ich jedoch intensiv am Schreiben bin, komme ich nicht so sehr zum Lesen.

19. Wo und wie wohnen Sie? (Keine Pflicht dieses zu beantworten.)

20. Haben die Haustiere? Wenn ja, welche?

Nein!

21. Was macht für Sie die Faszination von Büchern aus?

Die Einblicke in andere Welten, in die Gedanken- und Gefühlswelt und wie sich Geschichten entwickeln und eine Spannung aufgebaut wird. Dann natürlich das tolle Gefühl, mit einem guten Buch die Zeit zu genießen.

Vielen Dank für Ihre Zeit, ich wünsche Ihnen noch viel Erfolg und einen schönen Tag.

Andreas Lukas erreichte Platz 6 in der Kategorie „Autor des Jahres“ beim Planet Award.